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Wie können wir Mieter*innen uns organisieren? - Druckversion

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Mietstreik in Hamilton (Kanada) - Klaus Peters - 04.04.2018

Hallo Akelius-Mieter und-Mieterinnen!

Hier ist ein interessanter Artikel: https://direkteaktion.org/211-gewerkschaft-als-mieterorganisation/

Da wird diskutiert, wie wir Mieter und Mieterinnen uns organisieren können, so dass wir auch wirklich Verbesserungen erreichen. Gerade in Berlin sind Konzerne wie Akelius so frech geworden und geben ziemlich unverhohlen zu, dass alles, was sie tun, nur dazu dienen soll noch mehr und noch mehr Profit zu machen. Ergebnis: Die bekommen ihre Wohnungen los für 20, 30, 40 € / m²!

In dem Artikel wird eine Parallele zu den Ursprüngen der Gewerkschaftsbewegung gezogen (nicht zu den heutigen Mega-Gewerkschaftsapparaten!). Ich finde die Idee sehr interessant - ich meine: Um etwas zu erreichen müssen wir uns selbst von unten organisieren und die Besitzer und Vermieter unter Druck setzen. Wenn wir auf parteipolitische Maßnahmen warten, wird sich nichts ändern.

Was meint ihr dazu?


RE: Wie können wir Mieter und Mieterinnen uns organisieren? - akelius-mietervernetzung - 14.08.2018

Ein weiterer Artikel zum Thema Mieter*innen-Gewerkschaften:
https://adamag.de/miete-gewerkschaft-organisation

Die Aktualität der Notwendigkeit einer zu gründenden Mieter*innen-Gewerkschaft wird sehr deutlich herausgearbeitet.


[geteilt] Mietstreik in Hamilton (Kanada) - Xana Du - 08.09.2018

Mietstreik in Hamilton (Ontario / Kanada)

[Bild: 1*c0iHPaK16OhKVFipcPzFjA.jpeg]

Am 1. Mai 2018 sind Mieter*innen in Hamilton, einer Großstadt in der Metropolregion Toronto in den Mietstreik getreten. Hier eine Zusammenfassung der sehr ausführlichen, englischen Dokumentation auf dem Blog des dazugehörigen Solidaritätsnetzwerks und auf seiner Seite im Social Network "Medium". Ein interessantes Beispiel dafür, was möglich ist, wenn sich Mieter*innen zusammenschließen, sich gegenseitig unterstützen und gemeinsam für ihre Sache kämpfen.

Anfang August 2018 befanden sich mehr als 100 Haushalte im Mietstreik. Auslöser des Mietstreiks war eine Mieterhöhung von 10 %, die für viele Mieter*innen die Vertreibung zur Folge hätte. Eigentlich beträgt das gesetzliche Maximum für Mieterhöhungen im Bundesstaat Ontario 2018 lediglich 1,8 %. Viele Immobilienkonzerne in Kanada nutzen aber eine Gesetzeslücke aus um diese Richtlinie zu umgehen, darunter auch der Immobilienfond InterRent („Above Guideline Increase“).

InterRent besitzt fast 9000 Wohnungen in den Bundesstaaten Ontario und Quebec im Wert von ca. 1,7 Mrd $, davon gut 1300 in Hamilton. Davon wiederum befinden sich 618 in den „Stoney Creek Towers“, wo der Mietstreik stattfindet. Die Gebäude befinden sich im Stadteil Riverdale, bekannt als Hamiltons „Arrival City“; hier ist der Anteil von Immigrant*innen und Menschen mit niedrigem Einkommen an der Bevölkerung traditionell hoch.

Der Fondsprospekt verspricht Investoren, dass eine Neuerwerbung innerhalb von drei bis vier Jahren repositioniert („repositioned“) wird. Das ist ein beschönigender Begriff für Vertreibung und Renovierung in Verbindung mit Zwangsräumung („displacement und renoviction“), wie der Blog des Solidaritätsnetzwerks der streikenden Haushalte feststellt.


Mietsteigerung

Die alte Miete für eine Dreizimmerwohnung in den Stoney Creek Towers beträgt monatlich 800 $. 55 % der Wohnungen betrachtet InterRent zur Zeit als „repositioniert“. Die oberflächlich modernisierten Wohnungen werden für 1650 $ angeboten. Dadurch ist die aktuelle Durchschnittsmiete bis August 2018 schon auf 1110 $ gestiegen.

Durch die exorbitanten Steigerungen der Immobilienpreise und damit auch der Mieten in Toronto zieht es viele Mieter*innen mit gut bezahlten Jobs nach Hamilton, unterstützt durch den Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel. Diese sind bereit wesentlich höhere Mieten zu bezahlen als die Mieter*innen sich leisten können, die dort seit Jahrzehnten leben.


Forderungen der streikenden Mieter*innen

Die offensichtlich völlig berechtigten Forderungen sind ganz einfach: Rücknahme der überhöhten „Above Guideline“-Mietsteigerungen und Ausführung von Reparaturen, die seit langem verschleppt wurden.


Ganz unverblümt bekennt sich InterRent in seinem Fondprospekt und seinen Jahresberichten* zu seinen menschenverachtenden Grundsätzen:

Unerwünschte Mieter werden entfernt und Strategien und Prozesse implementiert um wünschenswertere Mieter anzuziehen - das heißt: fortlaufende Mieterhöhungen im Rahmen der staatlichen Richtlinien und oberhalb dieser. („[...] removing undesirable tenants and implementing policies and processes to attract more desirable tenants“ through a „continued roll-out of guideline increases and AGIs.”)

Der Fonds fokussiert sich auf „unter-managten“ Immobilien mit signifikantem Repositionierungs-Potenzial in hochbegehrten Wohngegenden. („[...] focus on 'under managed' buildings with significant repositioning, or upside potential” in “highly desirable neighbourhood[s].”)

Gemeinsames Element aller Immobilien von InterRent ist das „Arbeiterklassen“-Profil ihrer Mieter; nichtsdestotrotz befinden sich die Immobilien generell in Mittelklasse-Nachbarschaften mit guter Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr. („[...] common elements within all buildings” pursued by InterRent „is the 'working class' demographic target market of its tenant profile” but buildings nevertheless „generally located in middle class residential neighbourhoods with good public transportation access.”)

Der Fonds wählt Immobilien aus, die über einen unausgeschöpften Wert verfügen, der durch die Repositionierungs-Strategie des Fonds realisiert werden kann. („[...] select properties that have untapped value that can be realized through the REIT’s repositioning strategy.”)


Folgen für die streikenden Mieter*innen

Nach kanadischem Recht kann bei Mietrückstand die* Mieter*in zu einer Anhörung vor ein Schiedsgericht (Landlord Tenant Board, LTB) zitiert werden. Wenn sich dabei der Mietrückstand bestätigt, muss die* Mieter*in den Rückstand ausgleichen, sonst droht die Zwangsräumung.

Dies geschah einigen der streikenden Mieter*innen am 7.8.2018, bezeichnenderweise fast ausschließlich Immigrant*innen mit einer anderen Muttersprache als Englisch. InterRent hatte wohl darauf spekuliert, dass diese sich nicht gut gegen den Angriff wehren können. Die Mieter*innen waren aber gut organisiert und darauf vorbereitet den Mietrückstand auszugleichen. Niemand wurde zwangsgeräumt. Einer der Mieter versuchte dem Schiedsgericht zu erklären, wie er von InterRent behandelt wird und warum er die Miete zurückhielt. Er wurde unterbrochen und aufgefordert zu schweigen mit der Begründung, das sei nicht relevant.

Etwa 30 Mieter*innen und Unterstützer*innen versammelten sich am Morgen der Anhörung gegenüber dem LTB-Gebäude zu einer lautstarken Kundgebung und gingen dann geschlossen in das Gebäude. Sie verschafften den hochdotierten Mitarbeiter*innen der von InterRent bevollmächtigten Hausverwaltung die seltene Gelegenheit zu einer Begegnung von Angesicht zu Angesicht mit den von ihnen ausgebeuteten Menschen.

Wie das Solidaritätsnetzwerk berichtet, hat der erzwungene Ausgleich des Mietrückstands durch einige Mieter*innen den Streik nicht geschwächt. Im Gegenteil: Viele Mieter*innen schlossen sich im August dem Streik an, inspiriert durch ihre Nachbarn. Der Streik ist weithin bekannt und in der Region brauen sich weitere Mietstreiks zusammen.



* Zitiert nach: https://medium.com/@hamiltontenantssolidarity/one-hundred-households-from-the-stoney-creek-towers-four-high-rise-apartment-buildings-in-east-dcd9dab0d0b4 (abgerufen am 7.9.2018)